Warum die Liebe früher nur einen Fußmarsch entfernt war
Vor allem in früheren Jahrhunderten war der Kreis möglicher Ehepartner auf dem Land oft erstaunlich klein. Viele Menschen heirateten jemanden aus dem eigenen Dorf oder aus einer der wenigen Nachbargemeinden. Dadurch entstanden über Generationen enge verwandtschaftliche Verflechtungen, die sich in der Ahnenforschung als Ahnenimplex bemerkbar machen. Der Genealoge Wulf von Restorff bezeichnete dieses Phänomen 2013 augenzwinkernd als „Balzradius“ – in Anlehnung an einen Begriff aus dem Tierreich. Gemeint ist der oft sehr begrenzte Umkreis, innerhalb dessen sich Ehepartner fanden. Es lohnt sich, dieses Phänomen mal anhand der eigenen Ahnentafel zu analysieren.
Von Heiko Hungerige
Dazu wird in einem ersten Schritt für einen begrenzten Landkreis (in diesem Beispiel das südliche Eichsfeld) in einer Kreuztabelle ausgezählt, wie viele Personen in einem Ort geboren wurden und geheiratet haben. In einem zweiten Schritt kann das Ergebnis dann in einer Karte visualisiert werden. Mit Zahlen lässt sich (in Pfeilrichtung) angeben, wie viele Personen von ihrem Geburtsort in einen benachbarten Ort eingeheiratet haben – oder vielleicht auch zeit ihres Lebens im selben Dorf blieben.
In einem ersten Schritt wird ausgezählt: Wie viele Personen, die in Ort X geboren wurden, haben in Ort Y geheiratet?
Heiratsmigration der Familien Pudenz und Döring im Eichsfeld (17.-19. Jh.). Eingezeichnet ist ein „Balzradius“ (von Restorff, 2013) von 5 km um Ershausen (heute zur Gemeinde Schimberg). Die Ziffern geben (in Pfeilrichtung) an, wie viele Personen von ihrem Geburtsort in einen benachbarten Ort eingeheiratet haben. (Karte: H. Hungerige, erstellt mit StepMap.de)
Der erste bekannte Nachweis dieses Phänomens stammt aus dem Jahr 1925. Der Rosenheimer Zahnmediziner und Archivar Adolf Gustav Wulz (1899 – 1981) wies für 42 Pfarreien des Dachauer Hinterlandes (nordwestlich von München) nach, dass in 63% aller Fälle der
Geburtsort des Ehemanns von dem seiner Ehefrau weniger als 6 km, in 95,5% der Fälle weniger als 18 km entfernt war.
Ein kleiner „Balzradius“ bedeutete weit mehr als kurze Wege zur Hochzeit: Er führte dazu, dass sich dieselben Familien über Generationen hinweg immer wieder miteinander verbanden. Verwandtenehen (sog. konsanguine Ehen, also Heiraten
von Personen, die beträchtliche Anteile ihrer Genome von gemeinsamen Vorfahren mitbekamen) waren deshalb in vielen ländlichen Regionen keine Ausnahme, sondern eine natürliche Folge der begrenzten
Partnerwahl.
Verwandtenehen sind nicht nur eine biologische Notwendigkeit (Ahnenimplex!), sondern auch heute noch weit verbreitet: Der australische Humanbiologe Alan H. Bittles schätzt, dass 2008 weltweit ungefähr eine Milliarde Menschen
Verwandtenehen eingegangen sind, vor allem im Nahen und Mittleren Osten, in Nordafrika und in Westasien, ein Drittel davon sind Ehen zwischen Cousin und Cousine (Vettern-Base-Heiraten).
Die Gründe für Heiraten zwischen nahen Verwandten waren und sind vielfältig. Neben der biologischen Notwendigkeit, dass früher oder später Nachkommen desselben Vorfahren wieder untereinander
heiraten müssen, spielen zunächst geografische Besonderheiten eine Rolle.
Sogenannte „Inselpopulationen“ sind umfangreich erforscht; hierbei können diese „Inseln“ sowohl tatsächliche Inseln als auch schwer zugängliche Gebiete wie zum Beispiel Tal- oder Bergdörfer sein.
Besonders bekannt ist das Beispiel von Island mit seinen ca. 334.000 Einwohnern, die weitgehend von einigen Wikingern abstammen, die um 900 n. Chr. die Insel besiedelten. Da seit 1997 die
biotechnologische Firma deCODE Genetics genetische Informationen von Isländern zusammenträgt, die teilweise bis zu 1.200 Jahre zurückreichen, haben Isländerinnen und Isländer inzwischen
die Möglichkeit, mit Hilfe der App „Islendinga“ zu überprüfen, ob eine möglicherweise zu enge biologische Verwandtschaft einer intimen Beziehung im Wege steht. (Die App und die Webseite Íslendingabók stehen ausschließlich Menschen mit einer isländischen Identifikationsnummer
kennzeichnend zur Verfügung, vgl. dazu den CompGen-Blog vom 20. November 2021.)
Auch die Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit kann zu „Inselpopulationen“ führen: So kam es im 19. Jahrhundert zum Beispiel in Ostwestfalen kaum zu Heiraten zwischen dem katholischen Feldrom (Fürstbistum Paderborn) und dem protestantischen
Veldrom (Fürstentum Lippe), obwohl beide Dörfer nur
durch eine kleine Brücke über den Silberbach getrennt waren. Noch heute erinnern Grenzsteine mit der lippischen Rose bzw. dem Paderborner Kreuz oder preußischen Adler an diese historische
Grenze.
Darüber hinaus können vor allem soziale, ökonomische und kulturelle Einflussfaktoren als Gründe für Verwandtenehen genannt werden. So benennt Alan H. Bittles zusammenfassend folgende soziale und wirtschaftliche Vorteile einer konsanguinen Ehe, die vermutlich mit
unterschiedlicher Relevanz sowohl in der heutigen Zeit als auch in der Vergangenheit eine Rolle spielten:
- Stärkung der familiären und gesellschaftlichen Beziehungen.
- Sicherheit, den Ehepartner vor der Ehe zu kennen und damit eine (erhoffte) reduzierte Misshandlungs- oder Verletzungsgefahr der Frau in der Ehe. (Die These, dass häusliche Gewalt in Verwandtenehen seltener auftritt, ist in der Forschung umstritten.)
- Vereinfachte voreheliche Verhandlungen, mit Bedingungen und Abmachungen, die oft in der frühen Kindheit oder im frühen Jugendalter vereinbart wurden.
- Größere soziale Kompatibilität der Braut mit der Familie ihres Mannes, insbesondere ihrer Schwiegermutter, die ja ebenfalls eine Verwandte ist.
- Reduzierter Bedarf an Mitgift- oder Brautgeldzahlungen unter Beibehaltung der Familiengüter und Geldmittel.
- Für landbesitzende Familien sorgt die konsanguine Ehe für die Erhaltung der Familienbesitzungen, die ansonsten durch Erbschaft aufgeteilt werden können.
Entscheidende Gründe für den Rückgang der Häufigkeit von Verwandtenehen (insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) waren die zunehmende Industrialisierung und die dadurch
ausgelöste Migration von Arbeitskräften von ländlichen in städtische Gebiete sowie der damit einhergehende Rückgang der Kinderzahl.
So zeigt zum Beispiel eine Analyse der englischen Mathematikerin, Ärztin und Humangenetikerin Julia Bell (1879 – 1979), Mitentdeckerin des nach ihr benannten Martin-Bell-Syndroms (Fragiles-X-Syndrom), eine nahezu kontinuierliche Abnahme der
Konsanguinitätsraten in Preußen und Bayern für den Zeitraum von 1875 bis 1933; ihre Ergebnisse sind hier auszugsweise wiedergegeben. Um ein Gefühl für die absoluten Zahlen zu erhalten: In Preußen
kamen in der Zeit von 1875 bis 1880 auf 1.286.339 Heiraten 9.133 Cousinen-Ehen 1. Grades (0,71%), in Bayern für denselben Zeitraum auf insgesamt 188.973 Heiraten 1.644 Cousinen-Ehen (0,87%).
Abnahme der Häufigkeit der Cousinen-Ehen ersten Grades in Preußen und Bayern in der Zeit von 1875 bis 1933 in Prozent (Grafik: H. Hungerige, nach Bell, 1940)
Der „Balzradius“ beschreibt zunächst nur die räumliche Begrenzung der Partnersuche. Wo Menschen jedoch über viele Generationen hinweg überwiegend innerhalb eines kleinen geografischen Umkreises
heirateten, stieg zwangsläufig auch die Wahrscheinlichkeit, dass Ehepartner miteinander verwandt waren – wenn auch oft nur über mehrere Generationen hinweg. Ein kleiner Balzradius und
Verwandtenehen stehen daher in einem engen genealogischen Zusammenhang. Für Familienforscher/-innen kann die Untersuchung des Balzradius deshalb ein wertvoller Hinweis darauf sein, in welchen
Regionen mit einem besonders ausgeprägten Ahnenimplex, also mehrfach auftretenden Vorfahren, zu rechnen ist.
Diese sowie weitere genealogische Info-Grafiken des Roland zu Dortmund e.V. können als pdf-Dokumente kostenlos hier heruntergeladen werden:
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