Eine vergessene Frauengeschichte aus dem 19. Jahrhundert
Zwischen Armut, unehelichen Kindern und dem frühen Tod: Das Leben der Anna Catharina Margaretha Crollmann erzählt vom harten Schicksal einer Frau am Rand der Gesellschaft im frühen 19. Jahrhundert. Kirchenbucheinträge zeichnen das bewegende Bild einer Vorfahrin, die trotz bitterster Not ums Überleben kämpfte – bis die Ruhr-Epidemie von 1846 Mutter und Kind gemeinsam in den Tod riss. Eine familiengeschichtliche Spurensuche, die weit mehr offenbart als bloße Daten und Namen.
Von Holger Schluckebier
Meine Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter Anna Catharina Margaretha Crollmann erblickte am 28. Februar 1805 in Holtum Hausnummer 38 das Licht der Welt – und wurde noch am selben Tag in der Kirche St. Kunibertus zu Büderich katholisch getauft. Ihre Eltern waren der Beisitzer und Tagelöhner Johan Henrich Crollmann (1773 – 1855) und seine Ehefrau Clara Catharina Brune (1773 – 1806). Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr: Schon früh verlor sie ihre Mutter und wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester Anna (1802 – 1814) bei ihrem Vater und dessen zweiter Frau Catharina Elisabeth Struve (1768 – 1838) auf. 1808 kam schließlich ihr Halbbruder Mathias zur Welt.
Mit gerade einmal 22 Jahren brachte Catharina Margaretha am 27. Dezember 1827 in Büderich ihr erstes uneheliches Kind zur Welt – einen Sohn, der tags darauf auf den Namen Johannes Eberhard (1827
– 1908) katholisch getauft wurde. Als Vater gab sie bei der Taufe den Schuhmacher Gerhard Rammelmann an. Doch zu einer Ehe sollte es nie kommen – ihre Wege trennten sich für immer.
Um sich und ihr Kind über Wasser zu halten, verdingte sie sich 1833 als Dienstmagd beim Colon Caspar Ostermann in Hilbeck. Dort gebar sie am 21. August 1833, mittlerweile 28 Jahre alt, ihr
zweites uneheliches Kind – meinen Ur-Ur-Urgroßvater –, der am 25. August in Hilbeck auf den Namen Heinrich Friedrich Wilhelm (1833 – 1919) evangelisch getauft wurde. Diesmal jedoch schwieg das
Kirchenbuch: Kein mutmaßlicher Vater wurde vermerkt.
Noch immer ohne Ehemann, mit zwei Kindern an der Hand, schlug sie sich im Alter von 35 Jahren in West-Büderich durch – und durchlitt 1840 und 1841 zwei Totgeburten in Folge. Auch hier
verschweigen die Kirchenbücher den oder die Väter. Eine solche Häufung von Totgeburten spricht eine bittere Sprache: Sie zeugt oft von extremen gesundheitlichen Problemen, von Mangelernährung und
von schwerer körperlicher Arbeit, die schwangere – und insbesondere ledige, arme – Frauen damals auf den Feldern und Höfen bis zur letzten Minute verrichten mussten.
Ihre beiden ältesten Kinder waren bereits 12 und 18 Jahre alt, als Catharina am 28. Februar 1845 im Alter von 40 Jahren ihr letztes uneheliches Kind zur Welt brachte – einen kleinen Jungen, der
in Büderich auf den Namen Fritz Ferdinand getauft wurde. Die beiden Erstgeborenen dürften da längst nicht mehr bei ihr gewesen sein, denn sie hauste in West-Büderich auf der Laake – einem Tümpel,
einer Pfütze, einem kleinen stehenden Gewässer oder gar einem Sumpfloch. Eine Obdachlose, gestrandet in bitterster Armut.
Sterbeeintrag von Anna Catharina Margaretha Crollmann und ihrem Sohn Fritz Ferdinand (Quelle: Kirchenbuch Büderich, St. Kunibertus, Sterbefälle 1826 – 1855, Nr. 77 und 78, Matricula, Sign. KB012-01-S, Dig. S_216)
Im Herbst 1846 schlug das Schicksal endgültig zu: Die „Ruhr" (Dysenterie) wütete in Büderich. Catharina erkrankte – und starb hochinfektiös am Morgen des 5. Oktober. Ihr jüngster Sohn, der kleine Fritz Ferdinand, gerade einmal anderthalb Jahre alt, hatte sich bei seiner Mutter angesteckt und folgte ihr am nächsten Morgen in den Tod. Mutter und Kind wurden gemeinsam, an ein und demselben Tag, dem 9. Oktober 1846, auf dem Kirchhof zu Büderich zur letzten Ruhe gebettet.
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