Wenn Familiengeschichte mehr ist als Biologie
Ahnentafeln zeigen, wer biologisch von wem abstammt – doch sie stoßen an ihre Grenzen, wenn es um Patchwork-Familien, Adoptionen, Pflegeverhältnisse oder gleichgeschlechtliche Eltern geht. Genogramme sind eine Erweiterung klassischer Ahnentafeln und machen sichtbar, was Familie heute wirklich bedeutet: biologische, soziale und emotionale Verbindungen in einer strukturierten, grafischen Form.
Von Heiko Hungerige
Die traditionelle Ahnentafel hat eine klare Aufgabe: Sie stellt biologische Abstammungslinien dar. Eltern, Großeltern, Urgroßeltern – Generation für Generation wird die Abstammungslinie
einer Familie klar und nachvollziehbar dargestellt. Diese Form der Darstellung ist übersichtlich, standardisiert und seit Jahrhunderten bewährt.
Doch gesellschaftliche Realitäten haben sich verändert. Moderne Familien bestehen nicht mehr ausschließlich aus verheirateten Mutter-Vater-Kind-Konstellationen. Unverheiratete Paare, Stiefeltern,
Adoptiv- oder Pflegekinder sowie gleichgeschlechtliche Eltern prägen zunehmend das Familienbild. Genau hier geraten klassische genealogische Programme an ihre Grenzen.
Die neue Roland-Info-Grafik: Mit Genogrammen nicht-biologische Familienbeziehungen darstellen. (Zum Download der Info-Grafik als pdf-Dokument bitte auf das Bild klicken.)
1985 publizierten Monica McGoldrick und Randy Gerson ihr Buch Genograms: Assessment and Intervention, ein Meilenstein in der Systemischen Familientherapie. Das Buch liegt auch in Deutsch
vor (Genogramme in der Familienberatung).
Ein Genogramm ist eine Erweiterung der traditionellen Ahnentafel. Es basiert auf standardisierten Symbolen, mit denen nicht nur biologische Verwandtschaft, sondern auch soziale und rechtliche
Beziehungen dargestellt werden können. Neben den „üblichen“ genealogischen Angaben wie Name, Geschlecht, Geburts-, Heirats- und Todesdatum (bzw. -ort) können mit klar definierten Symbolen auch
Informationen zu Trennung, Scheidung, Adoption, Pflegeverhältnissen, Zwillingsgeburten (eineiig oder zweieiig), Schwangerschaft, Abtreibung, Fehl- oder Todgeburten grafisch veranschaulicht
werden. Diese visuelle Systematik ermöglicht es, auch komplexe Patchwork-Strukturen übersichtlich darzustellen.
Familienstruktursymbole und Familieninteraktionssymbole für Genogramme. (Grafik: H. Hungerige, erstellt mit GenoGraph 2.1)
Darüber hinaus können Genogramme neben der reinen Familienstruktur zusätzlich auch die Qualität von Beziehungen abbilden – etwa enge Bindungen, distanzierte Verhältnisse oder konfliktreiche bzw.
abgebrochene Beziehungen. So wird aus einer statischen Abstammungsgrafik ein dynamisches Beziehungsdiagramm.
Aber Achtung: So aufschlussreich Genogramme auch sind – ihre Stärke ist zugleich ihre größte Herausforderung. Während die biologische Abstammung in der Regel dokumentierbar ist, bewegt sich die
Darstellung von Beziehungsqualitäten im Bereich der Interpretation. Ob eine Verbindung als „eng“, „distanziert“ oder „konflikthaft“ gilt, hängt stark von Perspektive, Zeitpunkt und persönlicher
Erfahrung ab. Die grafische Markierung einer Beziehung kann komplexe Dynamiken vereinfachen und ihnen einen Anschein von Objektivität verleihen. Was als analytisches Werkzeug gedacht ist, kann
innerhalb einer Familie schnell als Bewertung oder Zuschreibung verstanden werden. Wer mit Genogrammen arbeitet, sollte sich daher der Verantwortung bewusst sein: Sie sind keine neutralen
Landkarten familiärer Wirklichkeit, sondern visuelle Deutungen. Richtig eingesetzt eröffnen sie wertvolle Einsichten – unreflektiert genutzt können sie jedoch sensible Beziehungen unnötig
belasten.
Im Internet stehen verschiedene kostenlose und kostenpflichtige Programme zur Erstellung von Genogrammen zur Verfügung. Da es sich jedoch ausschließlich um reine Grafikprogramme handelt, ist ein
Import von GEDCOM-Dateien nicht möglich. Dennoch sind sie ein flexibles Werkzeug, um komplexe Familienkonstellationen präzise darzustellen.
Genogramme sind ein zeitgemäßes Instrument für alle, die Familiengeschichte nicht nur biologisch, sondern „ganzheitlich“ betrachten möchten. Sie zeigen, dass „Familie“ mehr ist als die
biologische Abstammung – sie ist ein Netzwerk aus Beziehungen, Bindungen und Erfahrungen. Wer moderne Familienrealitäten dokumentieren will, findet im Genogramm ein leistungsfähiges und
anschauliches Werkzeug.
Literatur und weiterführende Links
- Beushausen, J. (2012). Genogramm- und Netzwerkanalyse Die Visualisierung familiärer und sozialer Strukturen. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht.
- Borcsa, M. & Daure, I. (Hrsg.) (2024). Genogramme Ein Handbuch für die systemische Praxis und Forschung. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht. (Leseprobe)
- Ecker, S. (o. J.). Das Erstellen eines Genogramms. (pdf, 2 S.)
- Hildenbrand, B. (2021). Grundlagen der Genogrammarbeit. Die Lebenswelt als Ausgangspunkt sozialpsychiatrischer Praxis. Göttingen: Vandenhoeck + Ruprecht.
- Hildenbrand, B. (2024). Einführung in die Genogrammarbeit. (Reihe: Carl Auer Compact, 6. Afl.). Heidelberg: Carl Auer.
- McGoldrick, M. (2024). Wieder heimkommen. Auf Spurensuche in Familiengeschichten. (Reihe: Systemische Therapie und Beratung, 5. Afl.). Heidelberg: Carl Auer.
- McGoldrick, M., Gerson, R. & Petry, S. (2022). Genogramme in der Familienberatung. (5. Afl.). Göttingen: Hogrefe.
- Näther, S. (o. J.). Das Genogramm. (pdf, 5 S.)
- Wessiepe, K. (2001). GenoGraph 2.1. Grafisch-orientiertes Computerprogramm zur Erstellung von Familiengenogrammen in der systemischen Arbeit.

