"Die verlorene Schwester" - eine kurze Geschichte von Uwe Klaas

Die verlorene Schwester

2023

 

Ich sitze mit Mutti am Küchentisch, und unser Thema ist mal wieder unsere gemeinsame Familienvergangenheit. Über ihre väterliche Seite, die Röhrichts, weiß ich schon eine Menge. Aber wie sieht es bei ihrer Mutter und deren Geschwistern aus?

 

Mutti erzählte: „Meine Mutter hatte noch eine Schwester, aber sie wurde nicht alt. Sie war auf einem Bauernhof und hatte sich dort verletzt und ihren Gasteltern nichts erzählt. Dann war es zu spät – Wundstarrkrampf. Daran ist sie gestorben.“

 

Die weiteren Geschwister meiner Großmutter Maria, eine geborene Wolf, kannte ich schon: Otto und Hedwig Wolf, und zumindest Hedwig war ich früher schon mal persönlich begegnet. Aber wer war das früh verstorbene Geschwisterkind? Einen Namen hatte ich nicht, dafür aber von meiner Mutter die Information, dass das Mädchen bei ihrem Tod etwa 13 Jahre alt gewesen sein soll.

 

Diese Information ließ meine Ahnenforscherseele aktiv werden. Im General-Anzeiger für Dortmund finde ich nach einigem Suchen eine passende Zeitungsanzeige, die Geburtsanzeige einer Tochter des Eisenwerkarbeiters Wolf, Flurstraße 22. Zwar fehlt in dieser Anzeige der Vorname „Ferdinand“ des Vaters, doch alle anderen Daten stimmen überein. Ich hatte also das ungefähre Geburtsdatum der gesuchten Tochter.

 

Aber wie komme ich an weitere Fakten? Zum Zeitpunkt meiner Recherche 2023 sind die katholischen Kirchenbücher für das vermutete Todesjahr noch gesperrt, lediglich die Sterbeurkunden in den Landesarchiven sind zugänglich. Also starte ich eine Suche über MyHeritage, einer Genealogie-Website.

Standesamtliche Nachrichten über die Geburt einer Tochter von Eisenwerkarbeiter Wolf, Flurstraße 22

Quelle: Generalanzeiger für Dortmund vom 27. Mai 1910. zeit.punktNRW


Der Nachname Wolf ist dort massenhaft vertreten; die Genealogie-Suchseite spuckt mehrere tausend Ergebnisse aus. Da ich weder den Vornamen noch den Todesort kenne, bleibt mir nur der Filter über das in der Zeitung gefundene Geburtsjahr. Es bleiben noch immer mehrere hundert Treffer, doch ich scrolle mich durch die Liste und bleibe schließlich bei einem Sterbeeintrag mit dem Namen Rosa Wolf hängen.

 

Die Eltern meiner Großmutter Maria hießen Ferdinand und Rosa Wolf. Könnte es sein, dass sie ihrer Tochter den Namen der Mutter gaben? Auch weitere Angaben passen: der Geburtsort Dortmund und die Tatsache, dass das Mädchen in einem Krankenhaus gestorben ist. Der Sterbeeintrag stammt aus dem sauerländischen Ort Eslohe.

 

Vielleicht ein Treffer, vielleicht aber auch nicht – es gab sicher mehrere Kinder mit dem Namen Rosa Wolf in Dortmund. Das Dortmunder Adressbuch von 1921 listet allein 133 Personen mit dem Nachnamen Wolf auf, und darin ist in der Regel nur die arbeitende männliche Bevölkerung erfasst; Ehefrauen und Kinder tauchen gar nicht auf. Ich speichere zunächst alle Informationen und beende die Recherche nach der gesuchten Tochter.

Ausschnitt aus der Sterbeanzeige vom 11.Mai 1923:

"Der Vorstand des katholischen Krankenhauses hierselbst zeigte an, daß Rosa Wolf 12 Jahre alt, wohnhaft in Nichtinghausen, geboren zu Dortmund, zu Eslohe, im Krankenhause am zehnten Mai des Jahres tausend neunhundert zwanzig und drei vormittags um sechs ein viertel Uhr verstorben sei." 

Quelle: Landesarchiv Nordrheinwestfalen, Titel: Abteilung Ostwestfalen-Lippe, P 6 / 16 (Standesämter Landkreis Meschede), Nr. 1274, Seite 21

Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Adressbuch Dortmund 1921 mit dem Nachnamen Wolf.  "Mein" Ferdinand Wolf wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Flurstraße 33.

Quelle: www.digibib.genealogy.net


Neue Quellen, neue Spuren

Oktober 2025

 

Endlich hat das katholische Kirchenbucharchiv Matricula seine Freigaben an die Sperrfristen angepasst. Damit habe ich Zugriff auf weitere fünf Jahre und hoffe auf neue Hinweise zu Omas Schwester.

 

Durch die Auswertung der Adressbücher kenne ich die Wohnorte der Familie Wolf ziemlich genau und kann deshalb die zuständige Kirche bestimmen: „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Flurstraße in Dortmund. Die Geburtsregister sind zwar noch gesperrt, aber die Listen der gefirmten Kinder sind zugänglich. 

 

Und tatsächlich finde ich dort einen passenden Eintrag – Volltreffer, mein Ahnenforscherherz hüpft!

Die Adresse stimmt, das Geburtsdatum auch, und sie hieß wirklich Rosa Wolf. 

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sterbeurkunde aus dem Landesarchiv zu „meiner“ Rosa gehört, steigt deutlich.

 

Nun prüfe ich, ob auch die katholischen Kirchenbücher der Gemeinde Eslohe inzwischen freigegeben sind. Sie sind es, und ich durchsuche gespannt jede einzelne Seite des Jahrgangs 1923. Wieder ein Volltreffer – was für ein Glück.

Firmung von Rosa Wolf, Geburtsdatum: 25.05.1910, Wohnort: Oesterholzstr. 52

Quelle: Deutschland Paderborn, rk Erzbistum Dortmund, Heilige Dreifaltigkeit Firmung, KB007-01-F; Matricula Online

Verstorbene: Wolf, Rosa, Tochter der Ehel. Ferdinand u. Rosa Kuhn in Dortmund; Schulmädchen, z. Z. in Nichtinghausen; Alter: 13; Todeszeitpunkt: 10. Mai 1923, 6 Uhr; Starrkrampf infolge Verwundung; Begräbnis am 14. Mai hier; gestorben im hiesigen Krankenhause.

Quelle: Matricula Online, Deutschland Paderborn, rk Erzbistum Eslohe, St. Peter und Paul Sterbefälle, KB015-01-S


Ich habe sie gefunden, und meine Vermutungen bestätigen sich: Die gesuchte Schwester meiner Oma, Rosa Wolf, ist in Eslohe gestorben. Diesmal sind auch die Eltern genannt – Ferdinand Wolf und Rosa Kuhn –, und die Todesursache stimmt mit der Erzählung meiner Mutter überein: Wundstarrkrampf. Aus dem Eintrag geht hervor, dass sie ihren Aufenthalt in dem kleinen sauerländischen Dorf Nichtinghausen verbrachte.

 

Aber warum war Rosa im Sauerland und nicht bei ihren Eltern in Dortmund?

Dortmund 1923 und die Kinderverschickung

Ein Blick auf die Verhältnisse in Dortmund im Jahr 1923 hilft weiter. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, Hyperinflation und die Besetzung des Ruhrgebiets ab Januar 1923 durch französische Truppen sorgten für große Not unter der Bevölkerung. Lebensmittel waren knapp, Kinder litten besonders unter diesen Bedingungen.

 

Zusätzlich zu Schul- und Armenküchen organisierten karitative und staatliche Stellen sogenannte Kindererholungsverschickungen. Dabei wurden unterernährte Kinder in ländliche Gegenden geschickt, um ihnen eine bessere Ernährung zu ermöglichen. Die Transporte erfolgten in der Regel mit dem Zug. 

 

Bei der Recherche zu diesen Kinderverschickungen stoße ich auf einige Bilddokumente, die Dortmunder Kinder am Bahnhof zeigen, wie sie auf die Weiterreise in ihre Erholungsorte warten. Mich interessiert das Aufnahmedatum dieser Bilder, und ich gehe den Quellen nach. Die Fotos tauchen auf vielen  Internetseiten auf, mit Datierungen, die irgendwo zwischen 1900 und 1925 liegen, und auch Ortsangaben und Bildbeschreibungen variieren.

 

Ich füttere eine KI mit einem der Bilder und erhalte folgende – völlig falsche – Einordnung: Es handele sich um Kinder, die während des Textilarbeiterstreiks 1912 in Lawrence, Massachusetts, evakuiert worden seien, und die Beschriftung „DORTMUND CHILDREN“ sei eine Fehlbezeichnung. 

Kinder am Dortmunder Bahnhof, welche auf die Weiterreise in ihre Erholungsorte warten. 

Quelle: George Grantham Bain Collection, Signatur: LC-B2- 5976-9 [P&P]

Setzen, sechs – die Aufnahme zeigt eindeutig die Vorderseite des Dortmunder Bahnhofs, wo Kinder auf die Weiterreise in ihre Erholungsorte warten, wie sich anhand weiterer Fotos der Bahnhofsumgebung belegen lässt.

 

Schließlich finde ich die Originalquelle: Es ist die George-Grantham-Bain-Sammlung der Library of Congress, eine der ersten amerikanischen Bildagenturen. Dort wird das Aufnahmedatum für die betreffenden Fotos mit „zwischen 1920 und 1925“ angegeben. 

Doch was bedeuten die Nummern in den Bildecken? Vielleicht wurden die Bilder fortlaufend nummeriert? Tatsächlich entdecke ich weitere Aufnahmen im gleichen Nummernblock, und deren Beschreibungen bringen mich weiter.

 

Die Bilder 5966-1 bis 5966-4 tragen den Titel „Franzosen in Dortmund“. Damit wird der von mir vermutete Zeitraum bestätigt: Nachdem Deutschland seine Reparationsforderungen nicht erfüllte, besetzten französische und belgische Truppen ab 1923 das Ruhrgebiet, um ihre Forderungen durchzusetzen; in Dortmund waren sie zwischen Januar 1923 und Oktober 1924 stationiert.

 

Noch genauer wird es mit anderen datierten Fotos aus derselben Nummernserie: Bild 5973-11 zeigt eine Szene vom 19.04.1923, und Bild 5982-1 ist auf den 26.04.1923 datiert. Die Bilder der Kinder am Dortmunder Hauptbahnhof liegen chronologisch dazwischen und lassen sich so auf den Zeitraum vom 20. bis 25. April 1923 eingrenzen.

 

War Rosa vielleicht eines der wartenden Kinder auf diesem Bild?

Die lange Schlange der Kinder am Dortmunder Bahnhof.

Quelle: George Grantham Bain Collection, Signatur: LC-B2- 5976-8 [P&P]

Aktenfund und offene Fragen

Dezember 2025

 

Über eine Facebookgruppe erfahre ich, dass das Landesarchiv Münster Akten zur Kinderverschickung in den 1920er Jahren online gestellt hat. 

 

Eine äußerst umfangreiche Quelle tut sich auf: tausende von Seiten, die das verzweifelte Bemühen von Ämtern und karitativen Einrichtungen dokumentieren, für hungernde Kinder Aufenthalte in besseren Gegenden zu organisieren.

 

Besonders die katholischen Kinder im Dortmunder Stadtgebiet galten als unterversorgt, doch es gab Hoffnung: Die Gemeinde Velmede im Kreis Meschede im Sauerland erklärte sich bereit, 100 Kinder aufzunehmen. Auch in der Mescheder Presse vom 12. März 1923 findet sich ein Hinweis auf diese geplanten Kinderverschickungen. Die Orte Nichtinghausen und Eslohe gehören ebenfalls zum Kreis Meschede; es ist daher naheliegend, dass Rosa im Rahmen einer solchen Verschickung dorthin kam.

 

Aus den Berichten des Landesarchivs lassen sich jedoch auch negative Folgen der Landaufenthalte herauslesen. Die ursprünglich nur als leichte Mitarbeit gedachte Hilfe der Kinder auf den Höfen der Gasteltern geriet mitunter zur Ausbeutung der Untergebrachten. In Zeitungsartikeln ist zu lesen, dass angereiste Kinder von den Gasteltern am Bahnhof stehengelassen wurden, nur weil sie ihnen nicht kräftig genug erschienen.

 

Und ist Rosa Wolf nun auf dem Foto der wartenden Kinder vor dem Dortmunder Hauptbahnhof zu sehen? Diese Frage wird wohl nie abschließend zu beantworten sein.

 

Die Reise ins Sauerland sollte für Rosa eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse bringen. Es kam anders – es wurde ihre Reise in den Tod.

 

Rosa wurde am 14. Mai 1923 in dem sauerländischen Ort Eslohe – fernab der Heimat – beerdigt.

Ausschnitt aus dem Schriftverkehr der Stadt-Verwaltung Dortmund an die Provinzialstelle für Landesaufenthalt von Stadtkindern, Münster i/W.

Quelle: Landesarchiv Nordrheinwestfalen, Titel: Abt. Westfalen, N 352 (Landaufenthalt für Stadtkinder, Provinzialstelle Münster), Nr. 49, Seite 7.

Zeitungsbericht über die Aufnahme der katholischen Kinder aus dem Stadtkreis Dortmund.

Quelle: Mescheder Zeitung vom 12. März 1923. zeit.punktNRW


Uwe Klaas, Dezember 2025