Waren die Karolinger auch Merowinger?

Neue Sichtweisen auf Europas frühe Herrscherhäuser

Basierend auf den frühen Arbeiten von Siegfried Rösch und modernen Ahnenforschungsprogrammen, wird deutlich, dass auch Karl der Große und viele seiner Zeitgenossen mehrfach von Merowech, dem ersten Merowingerkönig, abstammen. Diese Entdeckungen werfen ein neues Licht auf die Verbindung zwischen den beiden Dynastien und erweitern unser Verständnis von mittelalterlicher Familiengeschichte.

Von Dr. Hans Peter Stamp (AGGSH e.V.)

1977 erschien im Verlag Degener das Buch „Caroli Magni Progenies“ von Siegfried Rösch (1899 – 1984), ein statistisches Werk über die Nachkommen Karls des Großen. Rösch war ab 1933 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Firma Leitz in Wetzlar gewesen, wo er an der Entwicklung der berühmten Kleinbildkamera Leica beteiligt war. 1937 wurde er Privatdozent und war schließlich von 1942 bis 1965 Professor für Mineralogie an der Universität Gießen. Mit seinem genalogischen Buch bewegte er sich also außerhalb seiner eigenen Fachrichtung. Genealogisch stütze er sich in erster Linie auf Erich Brandenburg (1868 – 1946) und Karl Ferdinand Werner (1924 – 2008), auf die Isenburgschen Tafeln und auf das Werk von Winkhaus. Die mathematischen Kenntnisse besaß er jedoch selbst und entwickelte damit einen neuen Gedankengang. (Foto: Siegfried Rösch im Jahr 1934, aus dem Nachlass von Arndt Richter)

Er untersuchte die Häufigkeit des Vorkommens Karls des Großen (CM) in Ahnenlisten. Konkret führte er dies vor am Beispiel des Kaisers Maximilian (1459 – 1519). Unter den Ahnen Maximilians fand er CM in der 20. Generation zweimal, und in der 31. Generation 16-mal. In den dazwischen liegenden Generationen fand er ihn häufiger, mit 1948-mal am häufigsten in der 25. Generation und insgesamt 7929-mal. Er zeigte sich überrascht von der Höhe dieser Zahl, kam aber zu dem Schluss, dass eine solche Zahl bei Dynasten wohl keine Seltenheit sei. Gleichzeitig schrieb er aber auch, dass es um eine Mindestzahl gehe, die durch spätere Forschungen überboten würde. Er war sich natürlich darüber im Klaren, dass mit den damaligen Mitteln eine vollständige Erfassung nicht möglich war.

Mehrfachahnen-Häufigkeiten von Karl dem Großen in der Ahnenliste von Maximilian I. (1459 – 1519) nach Rösch (1977). (Grafik: H. Hungerige)

Heute haben wir es besser und können zeigen, dass die tatsächlichen Zahlen bedeutend höher liegen. Wir wissen aber auch, dass die Arbeit von Rösch gleichwohl ein gewaltiges Werk war, da ihm damals zwei wichtige Hilfsmittel fehlten, ein modernes Ahnenforschungsprogramm wie z.B. PAF, Ahnenblatt oder FTM und das System Excel. Mit PAF und Excel habe ich die CM-Häufigkeit für Maximilian mit 59.367 neu ermittelt. Für einen ungefähren Zeitgenossen von Maximilian, den dänischen König Friedrich I. (1471 – 1533) waren es 54.444. Ich hätte die Sache ohne die beiden Hilfsmittel nicht gewagt.

Neuere Erkenntnisse gibt es auch bei der Breite des Betrachtungsfeldes: das Bild von dem erloschenen Königsgeschlecht der Merowinger und den angeblich als Hausmeier empor gekommenen Karolingern bedarf einer Korrektur.

 Am deutlichsten wird das, wenn man den letzten Merowingerkönig Childerich III. und den ersten Karolingerkönig Pippin genealogisch vergleicht. Childerich III. stammte nach meinen bisherigen Forschungen viermal von dem ersten Merowingerkönig Merowech ab. Bei Pippin war es aber ebenso. Die Ahnenschaft von Emporkömmlingen sieht anders aus. Er war genetisch ebenso Merowinger wie sein Vorgänger.

Sein Sohn Karl der Große stammte sogar insgesamt zehnmal von Merowech ab, wie eben gesehen viermal über Pippin, dazu sechsmal über dessen Ehefrau Bertrada. Hinzu kommt, dass Zeitgenossen Karls ebenfalls Nachkommen des ersten Merowingerkönigs waren, nicht nur seine Geschwister, nein, etliche weitere. Diese Erkenntnis veranlasste mich dazu, für den Kaiser Maximilian nicht nur die Häufigkeit seiner Abstammung von Karl dem Großen neu zu ermitteln, sondern auch die von König Merowech zu untersuchen. Für Merowech waren es allein über Karl natürlich die erwähnten 59.367 mal 10 = 593.670. Aber Maximilian hatte auch über etliche Zeitgenossen Karls Verbindung zu Merowech. Und so fand ich für Maximilian, dass er 1.905.680-mal von dem ersten Merowingerkönig abstammte, also fast zwei Millionen mal. Diese Zahl stammt aus der Hochrechnung einer Stichprobe in Größe von 20% der Grundgesamtheit. Die Stichprobe wurde exakt ausgezählt ebenso wie die Gesamtzahl der CM-Häufigkeit.

Die von Rösch ermittelten Zahlen und spätere höhere Zahlen kommen uns hoch vor, gleichwohl ist ihre biologische Bedeutung gering. In der 20. Generation fand Rösch bei Maximilian zweimal CM. Wir alle haben in der 20. Ahnengeneration 2 hoch 20 Vorfahren, also 1.048.576. Zwei davon, das ist nicht viel. Und selbst die 1.948 in der 25. Generation sind nicht besonders viel; 33.554.432 Vorfahren haben wir in der 25. Generation. Teilt man diese Zahl durch 1.948 ergeben sich 17.225, also 1 : 17.225. Das ist weniger als ein Vorfahr in der 14. Generation. Obwohl ich seit über 50 Jahren Familienforschung betreibe, kenne ich von den 16.384 Vorfahren meiner 14. Generation nur sieben mit Namen, einer in der 14. Generation ist also wirklich wenig.

Ein weiterer Zeitgenosse von Maximilian von Habsburg war der Ritter Philipp IV. von Frankenstein von der Lieblingsburg der Amerikaner. Ein unehelich geborener Enkel von ihm verschafft mir die Freude, auch zu den Nachkommen von CM zu gehören, da Philipp 2100-mal CM unter seinen Vorfahren hatte. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung habe ich damit aber mit großer Sicherheit kein einziges Gen von dem großen Kaiser, biologisch ist die Sache für mich also bedeutungslos. Für die Geschichtsforschung müssten meine Untersuchungen jedoch einiges an Neuigkeiten gebracht haben.